Kritik von Dr. rer. nat. Galle an: Joachim Bublath: Die modernen Wunderheiler; ZDF

Betreff: Joachim Bublath: Die modernen Wunderheiler: Kritik

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bitte Sie nachfolgenden Kommentar zur Sendung "Die modernen Wunderheiler" von J. Bublath am 05.09. 2007 an die Programmverantwortlichen weiterzuleiten. Für eine direkte Auseinandersetzung mit Herrn Bublath hat sich dieser durch die Art und Weise der Durchführung seiner Sendung disqualifiziert.

Mein Kommentar: Die unkritischen und z.T. unsinnigen Aussagen von Herrn Bublath zu Teilen der alternativen Medizin können meiner Meinung nach nur auf drei Gründen beruhen: Ignoranz, absichtliche Böswilligkeit oder krankhafte selektive Wahrnehmung der Realität auf dem Boden der Selbstüberschätzung. Alle drei Faktoren, die auch in Kombination vorliegen können, disqualifizieren ihn eine solche Sendung maßgeblich zu gestalten.
Ein öffentlich-rechtlicher Sender hat die Verpflichtung, besonders, wenn es sich, wie in diesem Fall, um schwierige und komplexe Themengebiete handelt, die theoretischen und empirischen Argumente der Befürworter und Kritiker sorgfältig und umfassend darzustellen, damit das Laienpublikum einigermaßen objektiv informiert wird. Dieses elementare Grundprinzip einer demokratisch orientierten Berichterstattung hat Herr Bublath verletzt. Die Sendung erinnerte an Berichterstattungen im ehemaligen DDR-Fernsehen. Sie hatte Bild-Zeitungs-Niveau, wenn überhaupt.
Zur einer sorgfältigen und umfassenden Recherche und Berichterstattung würde in diesem Fall gehören: Die unterschiedlichen Argumente der Befürworter und Kritiker auf einer klinischen, biologischen und physikalischen Ebene wenigstens zu skizzieren, die Meinungsunterschiede in der Wissenschaft zu erwähnen und auch erkenntnismethodisch und erkenntnistheoretisch die verschiedenen wissenschaftsphilosophischen Grundpositionen zu beleuchten.

Stattdessen stellt Herr Bublath die Thematik einseitig im Rahmen des reduktionistisch-materialistischen Paradigmas (Dogmas) dar und suggeriert dem Publikum, dass diese Sichtweise die wissenschaftliche Sichtweise schlechthin sei. Ist das Absicht oder einfach nur Ignoranz? Es ist auf jeden Fall eine Berichterstattung wie sie in totalitären Staaten durchgeführt wird.
Eine Diskussion der alternativen Medizin aus einer ausschließlichen reduktionistisch-materialistischen Perspektive ist aus heutiger wissenschaftlicher Sicht schlicht und einfach lächerlich. Sie ist dem Thema nicht angemessen.
Herr Bublath sollte sich in seinen Sendungen mit Themen befassen, die er versteht und überblickt. Die Programmverantwortlichen sollten ihn bei schwierigen Themen stärker kontrollieren, um die Ausstrahlung eines solchen freilaufenden Unsinns in Zukunft zu vermeiden. Er macht ja nicht nur sich selbst, sondern auch das ZDF und den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk lächerlich und unglaubwürdig.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Galle

Dr. rer. nat. Michael Galle
Achatstraße 12a
55743-Idar-Oberstein
Tel. 06781/980622 oder 46335
Mitglied des Vorstandes der Internationalen Ärztegesellschaft für Biokybernetische Medizin


Antwort des ZDF:

Sehr geehrter Hr. Dr. Galle,

vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen. Unsere Redaktion Naturwissenschaft und Technik im ZDF ist für die Berichterstattung aus naturwissenschaftlicher Sicht zuständig. Unter diesem Aspekt wurde über verschiedene Heilmethoden berichtet. Grundlage für jede in der Sendung gemachte Aussage sind fundierte Recherchen und Gespräche mit Wissenschaftlern, die sich mit diesem Gebiet beschäftigen.

In der Sendung wurden einige Beispiele aus dem Berufsfeld der Heilpraktiker geschildert. So wird anhand der Iris - Diagnostik gezeigt, dass viele dieser Therapien auf keinem naturwissenschaftlichen Fundament stehen und ihre Wirksamkeit nicht in klinischen Studien nachgewiesen wurde. Dieser Hintergrund ist sicher eine hilfreiche Information für den Zuschauer. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass es keine verpflichtende Ausbildung für Heilpraktiker gibt. Aus: Ausbildung zum Heilpraktiker. Zentrum für Naturheilkunde: Um den Beruf des Heilpraktikers ausüben zu dürfen, sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen: Mindestens abgeschlossene Volksschule/Hauptschulausbildung, Mindestalter 25 Jahre, polizeiliches Führungszeugnis, eine ärztliche Untersuchung und die bei der Gesundheitsbehörde abgelegte Heilpraktikerprüfung.

Dass es auch Heilpraktiker gibt, die eine lange Ausbildung absolviert haben, wurde nicht in Abrede gestellt. Es kommt allerdings die Frage auf, ob die heute geltende Zulassungsordnung ausreichend ist.

Nach umfangreichen Recherchen auf dem Gebiet der Homöopathie stieß die Redaktion auf keine statistisch relevanten wissenschaftlichen Untersuchung, die als Wirkungsstudie in die Wissenschaftsmedizin Eingang gefunden hätte. Die letzte größere wissenschaftliche Meta-Analyse bildete die Lancet-Studie Bd. 366 S. 726 aus dem Jahre 2005. Das Team um Matthias Egger von der Universität in Bern hatte homöopathische Studien mit schulmedizinischen Studien verglichen. Das Ergebnis: in den Analysen gab es keinen Hinweis darauf, dass homöopathischen Mittel besser wirkten als Placebos.

Für alle klinische Forscher ist die "doppelblind randomisierte placebokontrollierte Studie" der Standard wissenschaftlicher Genauigkeit, der zwingend eingehalten werden muss, um bewusste oder unbewusste Erwartungshaltungen der Versuchsleiter (den sog. "experimenter-effect") auszuschalten. Das bedeutet, jeder Proband wird nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeordnet, die nach Alter, Geschlecht und Lebensumständen ähnlich sind. Eine Gruppe wird mit der zu testenden Arznei (dem "Verum") behandelt, die andere bekommt ein Scheinmittel (Placebo). Weder Ärzte noch Probanden wissen, welche Studienteilnehmer was erhalten. Die Wirksamkeit einer Therapie gilt als bewiesen, wenn sich im Behandlungsziel ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen zeigt.

Der Glaubwürdigkeitsfaktor in wissenschaftlichen Studien, die sich auf die (notwendiger Weise statistischen) Daten beziehen, wird durch den sogenannten p-Wert abgesichert. Als signifikant, also wissenschaftlich glaubwürdig, gilt häufig der p-Wert 0,05 (auch Überschreitungswahrscheinlichkeit oder Irrtumswahrscheinlichkeit genannt). Dieser für wissenschaftliche Glaubwürdigkeit als Minimum betrachtete Wert bedeutet, dass durchschnittlich jede 20-ste Untersuchung, deren Ergebnis auf einer statistischen Auswertung mit diesem Limit beruht, positiv ausgeht, auch wenn der behauptete Zusammenhang zwischen Therapie und Heilerfolg gar nicht besteht. Somit wird man - allein durch die statistische Überschreitungswahrscheinlichkeit - immer wieder Arbeiten finden, die auf ein gegenteiliges Ergebnis kommen. Dies gilt natürlich auch für Untersuchungen über die Wirksamkeit der Homöopathie. Das heißt, selbst wenn sich zukünftig einzelne positive Studien finden, bedeutet dies nicht, dass die wissenschaftlich verlässliche Erkenntnis, also die bis heute nicht glaubwürdig nachgewiesene Wirkung homöopathischer Hochpotenzen über Placebo-Effekte hinaus, damit in Frage gestellt wird.

Sollte es künftig eine Vielzahl von neuen Studien geben, die - außerhalb dieser Irrtumswahrscheinlichkeit - den wissenschaftlich glaubwürdigen Nachweis der Wirksamkeit der Homöopathie über Placebo-Effekte hinaus erbringen, sind wir gerne bereit, darüber zu berichten.

In unserer Sendung ging es nicht darum, die Schulmedizin gegen die Naturheilkunde zu stellen. Unbestritten ist, dass es in der Schulmedizin noch viele offene Fragen gibt, viele Krankheiten können nicht oder nur ungenügend behandelt werden, unerwünschte Nebenwirkungen treten auf- aber das war nicht das Thema dieser Sendung. Im Gegensatz zur Alternativmedizin stellt sich die Schulmedizin jedoch auf eine naturwissenschaftliche Basis, die ständig der objektiven Überprüfung standhalten muss.

Das große Interesse und die breite Resonanz zeugen ja davon, dass besonders dieses Thema kontrovers diskutiert wird. So betrachtet eröffnet sich, ein für Wissenschaftsjournalisten spannendes Themenfeld. Bitte haben Sie aufgrund der Vielzahl der Zuschriften Verständnis dafür, dass wir nicht auf jeden einzelnen Punkt Ihres Briefes detailliert eingehen können.

Wir hoffen, dass Sie auch weiterhin Interesse an unserer Sendung haben.

Mit freundlichen Grüßen
ZWEITES DEUTSCHES FERNSEHEN
Red. Naturwissenschaft und Technik

Dr. Joachim Bublath

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